Alle Drehmomentwerte grün. SPC-Karte unauffällig. Werkzeuge frisch kalibriert. Und trotzdem steigt die Reklamationsquote.

So oder ähnlich erleben wir es regelmäßig bei unseren Kunden: Ein Problem, das in der Statistik nicht sichtbar ist - weil die falsche Größe überwacht wird. Dieser Artikel beschreibt ein typisches Szenario aus der Automotive-Praxis. Eines, das zeigt, was passiert, wenn man beginnt, nicht nur Drehmomente zu messen, sondern die vollständige Drehmoment-Drehwinkel-Kurve zu analysieren.

Die Ausgangslage: Alles grün - und doch stimmt etwas nicht

Stellen Sie sich eine Montagelinie für sicherheitskritische Fahrwerkskomponenten vor. Querlenker-Verschraubungen, A-Klasse gemäß VDI/VDE 2862. Erfahrenes Team, modernes Werkzeug, etablierte Prozesse.

Die Drehmomentwerte liegen sauber innerhalb der Toleranz. Die SPC-Karte zeigt grün, Charge für Charge. Kein Alarm, kein Ausreißer.

Dann fällt bei der Endkontrolle auf: Einzelne Verbindungen zeigen bei der stichprobenartigen Nachprüfung geringere Losbrechmomente als erwartet. Nicht dramatisch, aber reproduzierbar. Die Reklamationsquote steigt - leicht, aber messbar.

Die klassische Reaktion: Werkzeuge werden nachkalibriert. Drehmoment-Toleranzen werden enger gefasst. Beides sinnvolle Maßnahmen - aber das Problem bleibt. Weil es an einer anderen Stelle liegt.

Der blinde Fleck: Drehmoment ≠ Vorspannkraft

Das Drehmoment ist nur dann ein verlässlicher Indikator für die Klemmkraft, wenn die Reibungszahl der Schraubverbindung konstant ist. Genau das ist in der Realität selten der Fall.

Reibungszahlen von Schrauben streuen in der Montage im Bereich von 0,08 bis 0,30 - diese Streuungen gelten bei vielen Verschraubungen als Regelfall. Das Drehmoment teilt sich physikalisch in drei Anteile auf: Gewindereibung, Kopfreibung und den Anteil, der tatsächlich in Vorspannkraft umgesetzt wird. Die erreichte Vorspannkraft bei vorgegebenem Drehmoment hängt also direkt von der Reibungszahl ab.

Die Konsequenz: Schwankende Reibungseinflüsse führen dazu, dass selbst bei hoher Drehmomentwiederholgenauigkeit Schwankungen der resultierenden Vorspannkraft von 50 % und mehr auftreten können.

50 % Schwankung - bei gleichem Drehmomentwert. Das ist kein theoretischer Randfall. Das ist die Realität in der Serienmontage.

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Die entscheidende Erkenntnis: Drehmomentwerte können vollständig innerhalb der Toleranz liegen - und trotzdem ist die tatsächliche Vorspannkraft in der Schraubverbindung zu niedrig. Warum? Weil das Drehmoment nur dann eine verlässliche Aussage über die Klemmkraft erlaubt, wenn die Reibungszahl konstant ist. Schwankungen in der Schraubenbeschichtung machen diesen Zusammenhang unzuverlässig. Die Drehmoment-Drehwinkel-Kurve zeigt, was wirklich in der Verbindung passiert.

In unserem Szenario läuft genau dieses Problem seit Wochen unsichtbar durch die Linie - versteckt hinter grünen Drehmomentwerten. Um es sichtbar zu machen, braucht es ein anderes Werkzeug.

Die Untersuchung: QUANTEC MCS® zeigt die vollständige Schraubkurve

GWK wird hinzugezogen und setzt QUANTEC MCS® Analysewerkzeuge an der betroffenen Linie ein. Der entscheidende Unterschied zur bisherigen Überwachung: Es werden nicht mehr nur einzelne Drehmomentwerte am Ende des Anzugsvorgangs erfasst.

Erstmals werden komplette Drehmoment-Drehwinkel-Kurven für jede einzelne Verschraubung aufgezeichnet - direkt unter realen Produktionsbedingungen, ohne Prüfstand, ohne Laboraufbau.

Die festpunktlose Drehwinkelmessung des QUANTEC MCS® ist dabei entscheidend: Sie benötigt keine feste Referenzfläche und liefert präzise Anzugskurven mit einer Messgenauigkeit von ±1 % zwischen 10 und 100 % des Nennbereichs - selbst unter den Bedingungen einer laufenden Montagelinie. Alle Daten werden in Echtzeit über die Software QuanLabPro erfasst und archiviert.

Das Ergebnis nach wenigen hundert Messungen: ein klares Bild - und eine überraschende Entdeckung.

Die Entdeckung: Das Problem war die ganze Zeit im Drehwinkel versteckt

Die Drehmomentwerte sind - erwartungsgemäß - alle i.O. Das war bekannt.

Aber die Drehwinkelwerte streuen erheblich. Die Drehmoment-Drehwinkel-Kurven zeigen ein klares Muster: Bei rund 15 % der Verschraubungen ist der Gradient im elastischen Bereich deutlich flacher als bei den übrigen Verbindungen.

Was bedeutet das physikalisch? Im elastischen Bereich der Schraubkurve ist der Gradient ein direktes Maß für die Schraubensteifigkeit - und damit für die aufgebaute Vorspannkraft. Ein flacherer Gradient bedeutet: Das Soll-Drehmoment wird bei einem größeren Drehwinkel erreicht. Mehr Reibung verbraucht mehr Drehmoment, bevor es in Längung umgesetzt wird - das Ergebnis: weniger Vorspannkraft.

Die Ursache wird schnell identifiziert: Chargenunterschiede in der Oberflächenbeschichtung der Schrauben.

Ist die Reibungszahl zu hoch, wird bei der Verschraubung zu früh gestoppt - weil das Drehmoment als einzige direkt messbare Größe während des Anzugs erreicht oder überschritten wird. Die gewünschte Vorspannkraft wird dabei jedoch nicht erreicht. Das Resultat: Die Werkstücke sind nur mangelhaft miteinander verbunden.

Genau das zeigt sich in den Kurven: Chargen mit höherer Oberflächenreibung erreichen das Soll-Drehmoment früher - aber die Schraube hat sich zu diesem Zeitpunkt noch nicht ausreichend gedehnt. Die Klemmkraft ist zu gering. Das Drehmoment sagt "i.O.". Der Drehwinkel sagt die Wahrheit.

Ohne Drehwinkelanalyse war dieses Problem nicht detektierbar. Die Linie hätte weitergelaufen - mit strukturell unterspannten Fahrwerksverbindungen.

Die Lösung: Drei Maßnahmen, die das Problem dauerhaft beheben

Nach der Diagnose folgt eine strukturierte Reaktion - sofort und mittel- bis langfristig.

⚠️
Symptom: Sporadische Auffälligkeiten bei der Endkontrolle
Losbrechmomente einzelner Verbindungen liegen unter dem Erwartungswert. Drehmomentwerte in der SPC-Karte: grün. Reklamationsquote: leicht aber messbar steigend.
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🔧
Erste Reaktion: Nachkalibrierung & engere Toleranzen
Die Werkzeuge werden nachkalibriert, die Drehmoment-Toleranzen enger gesetzt. Das Ergebnis: keine Verbesserung. Das Problem bleibt unsichtbar, weil die falsche Größe überwacht wird.
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Analyse: QUANTEC MCS® erfasst die vollständige Schraubkurve
GWK setzt QUANTEC MCS® Analysewerkzeuge ein. Erstmals werden komplette Drehmoment-Drehwinkel-Kurven für jede Verschraubung erfasst - unter realen Produktionsbedingungen, direkt an der Linie.
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Entdeckung: Drehwinkelstreuung macht das versteckte Problem sichtbar
Drehmomentwerte: alle i.O. Drehwinkelwerte: erhebliche Streuung. Bei ca. 15 % der Verbindungen flacherer Gradient im elastischen Bereich - Ursache: Chargenunterschiede in der Schraubenbeschichtung.
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Lösung: Beschichtungsspezifikation & drehwinkelüberwachtes Anziehen
Engere Spezifikation für die Schraubenbeschichtung beim Zulieferer, Eingangsprüfung der Reibwerte mit Q-CHECK®. Umstellung der betroffenen Schraubstellen auf drehwinkelüberwachtes Anziehen.
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Ergebnis: Reklamationsquote -80 %, Cpk von grenzwertig auf >1,67
Streuung der Vorspannkraft signifikant reduziert. Cpk-Wert steigt deutlich über den kritischen Grenzwert. Nebeneffekt: Ähnliche Analysen an anderen Stationen decken weitere verdeckte Probleme auf.

Sofortmaßnahme: Reibwert-Eingangsprüfung

Die betroffene Schraubencharge wird gesperrt. Für künftige Lieferungen wird eine engere Spezifikation für die Oberflächenbeschichtung mit dem Zulieferer vereinbart - inklusive Nachweispflicht für die Reibungszahl.

Parallel dazu wird für die Eingangsprüfung das Q-CHECK® QS- und Audit-Werkzeug eingesetzt. Mit einem Messbereich von 3-1000 Nm und einer Genauigkeit von ±1 % zwischen 10 und 100 % des Nennbereichs ermöglicht es die schnelle Überprüfung von Reibungswerten an Stichproben jeder Schraubenlieferung - bevor sie in die Produktion gelangen.

Prozessverbesserung: Drehwinkelüberwachtes Anziehen

Die betroffenen Schraubstellen werden auf drehwinkelüberwachtes Anziehen umgestellt. Das bedeutet: Nicht mehr nur das Drehmoment dient als Abbruchkriterium, sondern zusätzlich ein definiertes Drehwinkelfenster im elastischen Bereich. Verbindungen, die dieses Fenster verlassen, werden automatisch als NOK klassifiziert.

Diese Methode ist robust gegen Reibungsschwankungen - weil der Drehwinkel direkt mit der Schraubenlängung korreliert, unabhängig davon, wie viel Drehmoment in die Reibung fließt. Mehr zu den Grundlagen dieser Methode lesen Sie im Artikel über Drehmoment-Drehwinkel-Analyse und Schraubkurven.

Monitoring: Regelmäßige PFU mit QUANTEC MCS®

Das QUANTEC MCS® wird dauerhaft in das Qualitätssicherungssystem integriert. In regelmäßigen Abständen werden Prozessfähigkeitsuntersuchungen (PFU) nach VDI/VDE 2645-3 durchgeführt, die Reibungsschwankungen und Prozessdrifts frühzeitig identifizieren - lange bevor sie zu Reklamationen führen.

Wie Cpk- und Cmk-Werte dabei richtig berechnet und interpretiert werden, haben wir in einem eigenen Artikel ausführlich beschrieben.

Die Ergebnisse: Zahlen, die für sich sprechen

Die Wirkung der Maßnahmen ist messbar und eindeutig.

Ergebnisse nach Einführung der Drehwinkelanalyse
KennzahlVorherNachherVeränderung
Reklamationsquote (Station)Basiswert 100 %~20 % des Ausgangswerts↓ >80 %
Streuung der VorspannkraftHoch (sichtbar in Drehwinkelwerten)Signifikant reduziert↓ deutlich
Cpk-Wert (Schraubstelle)Grenzwertig (< 1,33)Komfortabel > 1,67↑ prozesssicher
Anteil auffälliger Verschraubungen~15 % mit flachem Kurvengradienten< 1 % nach Maßnahmen↓ drastisch
Losbrechmoment bei EndkontrolleUnregelmäßig, Ausreißer nach untenStabil im Sollbereich↑ konsistent

Die wichtigste Zahl: Die Reklamationsquote an dieser Station sinkt um über 80 % - nicht durch teurere Schrauben, nicht durch engere Drehmomenttoleranzen, sondern durch den Wechsel von eindimensionaler Drehmomentkontrolle zur zweidimensionalen Drehmoment-Drehwinkel-Analyse.

Der Cpk-Wert der betroffenen Schraubstelle steigt von einem grenzwertigen Niveau auf komfortabel über 1,67 - den in der Automobilindustrie geforderten Mindestwert für sicherheitskritische Prozesse. Was MFU und PFU dabei bedeuten und wie beide Studien zusammenwirken, lesen Sie in unserem Leitfaden.

Wertvoller Nebeneffekt: An weiteren Stationen derselben Linie werden ähnliche Analysen durchgeführt. Dabei werden weitere verdeckte Prozessprobleme identifiziert, die bisher unter dem Radar der Drehmomentkontrolle geblieben waren.

Die Lehre: Was dieses Szenario für Ihre Produktion bedeutet

Dieses typische Szenario aus der Automotive-Praxis hat eine klare Botschaft:

  • Drehmoment allein gibt ein falsches Sicherheitsgefühl. Grüne SPC-Karten und kalibrierte Werkzeuge schließen Qualitätsprobleme nicht aus, wenn die Reibungszahl schwankt.
  • Die Drehmoment-Drehwinkel-Kurve ist der "Fingerabdruck" jeder Schraubverbindung. Sie zeigt, was im Inneren der Verbindung passiert - nicht nur, wie viel Drehmoment aufgewendet wurde.
  • Reibungsschwankungen sind kein Ausnahmefall. Die Beziehung zwischen Drehmoment und Vorspannkraft hängt von Schraubengeometrie und Reibung ab. Allein aus dem Drehmoment lässt sich nicht zuverlässig ableiten, mit welcher Vorspannkraft die Schraube montiert wurde.
  • Regelmäßige Analysen mit QUANTEC MCS® sind eine Investition in Prozesssicherheit - und in vielen Fällen der direkteste Weg zu einem stabilen, auditierbaren Schraubprozess nach A-Klasse-Standards.

Die Frage, die sich jeder Produktionstechniker nach diesem Szenario stellen sollte: Würde ich es merken, wenn dasselbe Problem gerade in meiner Linie läuft?

Häufig gestellte Fragen

help_outlineWarum reicht die Drehmomentkontrolle allein nicht aus, um sichere Schraubverbindungen zu gewährleisten?expand_more

Das Drehmoment ist nur dann ein zuverlässiger Indikator für die Vorspannkraft, wenn die Reibungszahl konstant ist. In der Praxis schwanken Reibungskoeffizienten von Schrauben - je nach Beschichtung, Schmierstoff und Oberflächenzustand - erheblich. Selbst bei exakt eingehaltenen Drehmomentwerten kann die tatsächliche Klemmkraft deutlich vom Sollwert abweichen. Die Drehmoment-Drehwinkel-Analyse macht diese Abweichungen sichtbar.

help_outlineWas verrät der Drehwinkel über die Schraubverbindung, den das Drehmoment nicht zeigt?expand_more

Der Drehwinkel im elastischen Bereich ist ein direktes Maß für die Schraubenlängung - und damit für die aufgebaute Vorspannkraft. Bei überdurchschnittlich hoher Reibung erreicht die Schraube das Soll-Drehmoment früher, also bei einem kleineren Drehwinkel. Das bedeutet: weniger Schraubenlängung, weniger Klemmkraft - obwohl das Drehmoment i.O. ist.

help_outlineWas sind typische Ursachen für Reibungsschwankungen in der Schraubenmontage?expand_more

Chargenunterschiede in der Oberflächenbeschichtung der Verbindungselemente sind eine der häufigsten Ursachen. Darüber hinaus spielen Schmiermittelschwankungen, Temperaturschwankungen, Korrosion an Auflageflächen sowie unterschiedliche Bauteiltoleranzen eine Rolle. In der Automobilindustrie sind deshalb Reibungszahlfenster (z. B. µges = 0,08-014 nach VDA-Norm) definiert, deren Einhaltung regelmäßig überprüft werden muss.

help_outlineWie oft sollte eine Drehmoment-Drehwinkel-Analyse mit QUANTEC MCS® durchgeführt werden?expand_more

Für sicherheitskritische A-Klasse Verschraubungen empfehlen wir regelmäßige Prozessfähigkeitsuntersuchungen (PFU) nach VDI/VDE 2645-3. Die Frequenz hängt von der Prozessstabilität, den Lieferantenwechseln und der Schraubenklasse ab. Als Faustregel gilt: Nach jedem Zuliefererwechsel, nach Beschichtungsänderungen und mindestens jährlich bei A-Klasse-Verschraubungen.

help_outlineKann QUANTEC MCS® direkt in der Produktionslinie eingesetzt werden?expand_more

Ja. Das QUANTEC MCS® ist so konzipiert, dass es unter realen Produktionsbedingungen eingesetzt werden kann. Die festpunktlose Drehwinkelmessung erfordert keine feste Referenzfläche, was den Einsatz direkt an der Montagelinie ermöglicht. Die erfassten Daten können über die Software QuanLabPro, Ceus oder QS-Torque archiviert und ausgewertet werden.

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Das QUANTEC MCS® mit festpunktloser Drehwinkelmessung ist das einzige Analysewerkzeug, das Ihnen die vollständige Drehmoment-Drehwinkel-Kurve unter realen Produktionsbedingungen liefert - mit einer Messgenauigkeit von ±1 % zwischen 10 und 100 % des Nennbereichs, in robuster Alu-Titan-Konstruktion, kompatibel mit QuanLabPro, Ceus und QS-Torque.

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