Sie kontrollieren Drehmoment. Ihr Schraubwerkzeug meldet "i.O.", der Prozess läuft. Alles in Ordnung - oder?
Hier die unbequeme Wahrheit: Nur ca. 10 % des aufgebrachten Anzugsmoments erzeugen tatsächlich Klemmkraft (Vorspannkraft) in der Schraubverbindung - die restlichen ca. 90 % gehen in Reibung verloren. Dabei entfallen grob ca. 50 % auf die Reibung unter dem Schraubenkopf und ca. 40 % auf die Reibung im Gewinde - wie u. a. in technischen Unterlagen zur Schraubtechnik beschrieben.
Das bedeutet: Wenn Sie ausschließlich das Drehmoment überwachen, kontrollieren Sie nicht die Haltekraft Ihrer Verbindung. Sie kontrollieren den Input - nicht das Ergebnis.
Für Ingenieure in der Automotive-Fertigung, im Aerospace-Bereich oder im Maschinenbau ist das keine akademische Fußnote. Es ist der Kernunterschied zwischen einer zuverlässigen und einer nur scheinbar zuverlässigen Schraubverbindung.
Die Physik der Schraubverbindung - kompakt erklärt
Was ist Vorspannkraft (Klemmkraft)?
Die Vorspannkraft ist die eigentliche Haltekraft einer Schraubverbindung. Sie entsteht, wenn der Schraubenbolzen beim Anziehen axial gedehnt wird - ähnlich einer gespannten Feder. Diese Zugkraft im Bolzen presst die verspannten Bauteile zusammen und erzeugt die Klemmkraft, die für die Funktion der Verbindung entscheidend ist: Sie hält Bauteile spielfrei zusammen, sichert Dichtflächen und bestimmt maßgeblich die Dauerhaltbarkeit.
Was ist Drehmoment - und warum reicht es nicht?
Drehmoment ist Kraft multipliziert mit dem Hebelarm - die Größe, die Sie am Schraubwerkzeug einstellen. Es ist leicht messbar und technisch einfach zu implementieren. Genau deshalb hat es sich als Standardgröße in der Schraubtechnik durchgesetzt.
Das Problem: Das Drehmoment ist in der Schraubtechnik nach wie vor die am häufigsten verwendete Steuergröße, die resultierende Vorspannkraft wird dabei maßgeblich von schwankenden Reibbeiwerten sowie der Drehmomentstreuung des Schraubgerätes beeinflusst. Reibung ist damit die zentrale - und größte - Unbekannte.
Wohin fließt die Energie?
Die Verteilung ist eindeutig: Nur rund zehn Prozent des aufgewandten Drehmoments fließen in die Klemmkraft ein. Die restliche Anzugskraft wird von der Reibung in der Schraubverbindung aufgebraucht: Über den Daumen sind 40 Prozent des Moments Reibungsverluste im Gewinde, 50 Prozent gehen für die Reibung unter dem Schraubenkopf drauf.
Der Reibungskoeffizient - Ihre größte Unbekannte
Was beeinflusst den Reibungskoeffizienten μ? Mehr Faktoren, als die meisten Ingenieure einkalkulieren:
- Oberflächenzustand: Rauheit, Oxide, Verunreinigungen
- Beschichtung: Verzinkt, phosphatiert, unbehandelt - jede Beschichtung hat einen anderen μ-Wert
- Schmiermittel: Art, Menge und Gleichmäßigkeit des Auftrags
- Temperatur: Erhöhte Temperaturen verändern Viskosität und Reibeigenschaften
- Materialpaarung: Stahl auf Stahl verhält sich grundlegend anders als Edelstahl auf Aluminium - einige Paarungen neigen zu Fressen und Kaltverschweißen
Der Reibungskoeffizient μ ist die größte Unbekannte in Ihrem Schraubprozess. Schon eine Änderung von μ = 0,10 auf μ = 0,16 - etwa durch fehlende Schmierung oder eine andere Oberflächenbeschichtung - kann die tatsächliche Klemmkraft um 30 % oder mehr verändern. Bei gleich bleibendem Anzugsmoment.
Warum gleiches Drehmoment ≠ gleiche Klemmkraft bedeutet
Stellen Sie sich zwei baugleiche Schrauben vor, die mit identischem Drehmoment angezogen werden - eine mit frisch aufgetragener Beschichtung, eine leicht angerostet. Gleiches Werkzeug, gleiche Einstellung, gleicher Monteur.
Das Ergebnis in der Verbindung? Potenziell sehr unterschiedlich.
Schwankende Reibungseinflüsse führen dazu, dass selbst bei hoher Drehmoment-Wiederholgenauigkeit Schwankungen der resultierenden Vorspannkraft von 50 % und mehr auftreten können. Das ist keine Theorie - das ist messbare Praxis in jedem Serienprozess.
Die Konsequenz, die viele Konstrukteure daraus ziehen: Überdimensionierung. Man legt Schrauben so aus, dass sie auch bei minimaler Klemmkraft noch halten und bei maximaler nicht überlastet werden. Reserven werden eingeplant, nicht verstanden.
Das funktioniert - bis die Verbindung sicherheitskritisch wird. Bis ein Auditor den Nachweis der Prozessfähigkeit verlangt. Bis es im Feld zu einem Versagen kommt, das das Drehmomentprotokoll als "i.O." ausweist.
Wenn Sie sich für die normativen Anforderungen an sicherheitskritische Verschraubungen interessieren, lesen Sie unseren Artikel zu A-Klasse Verschraubungen nach VDI/VDE 2862 - dort erfahren Sie, warum das dokumentierte Drehmoment allein im Zweifelsfall nicht ausreicht.
Die Lösung: Drehmoment-Drehwinkel-Analyse
Warum der Drehwinkel die fehlende Information liefert
Der Drehwinkel ist die direkte geometrische Entsprechung der Schraubendehnung: Die Axialkraft verhält sich proportional zum Drehmoment - die Dehnung proportional zum Drehwinkel. Wenn bekannt ist, wie weit sich die Schraube nach Kopfauflage noch dreht, lässt sich daraus direkt auf die tatsächliche Dehnung - und damit auf die Klemmkraft - schließen.
Das ist der entscheidende Vorteil: Der Drehwinkel ist weitgehend reibungsunabhängig. Während das Drehmoment durch μ-Schwankungen stark beeinflusst wird, bleibt der Zusammenhang zwischen Winkel und Dehnung physikalisch stabil.
Die Drehmoment-Drehwinkel-Kurve als "Fingerabdruck" der Verbindung
Erst die Kombination aus Drehmoment und Drehwinkel ergibt ein vollständiges Bild. Die resultierende Drehmoment-Drehwinkel-Kurve (auch Schraub- oder Anzugskurve genannt) zeigt in einem einzigen Diagramm:
- Eindrehphase: Die Schraube dreht ohne nennenswerten Widerstand
- Kopfauflage / Anliegepunkt: Das Drehmoment beginnt zu steigen - der Kraftaufbau startet
- Elastischer Bereich: Linearer Anstieg - Drehmoment und Winkel korrelieren direkt mit der Vorspannkraft
- Streckgrenze: Die Kurve flacht ab - die Schraube beginnt plastisch zu verformen
- Plastischer Bereich / Bruchgrenze: Kurvenabfall - Überlastung
Abweichungen in diesem Verlauf - flache Kurven, unerwartete Sprünge, zu steile Anstiege - sind Indikatoren für Prozessprobleme: falsche Reibwerte, Gewindefehler, fehlendes Schmiermittel oder falsche Komponentenpaarungen.
Wie Sie diese Kurve im Detail interpretieren, zeigen wir im Folgeartikel dieser Kampagne: Drehmoment-Drehwinkel-Analyse: So lesen Sie den "Fingerabdruck" Ihrer Schraubverbindung (demnächst verfügbar).
Anzugsverfahren im Überblick: Was den Unterschied macht
Nicht jedes Anzugsverfahren eignet sich für jeden Schraubfall. Die folgende Übersicht zeigt, wie sich die drei gängigen Verfahren in Bezug auf Genauigkeit und Reibungsabhängigkeit unterscheiden:
| Merkmal | Drehmomentsteuerung | Drehwinkelsteuerung | Streckgrenzsteuerung |
|---|---|---|---|
| Steuergröße | Drehmoment (Nm) | Drehmoment + Winkel (°) | Gradient dM/dφ |
| Genauigkeit Vorspannkraft | Niedrig (±25-35 %) | Mittel (±15-25 %) | Hoch (±5-15 %) |
| Reibungsabhängigkeit | Sehr hoch | Mittel | Gering |
| Technischer Aufwand | Gering | Mittel | Hoch |
| Schraubenausnutzung | 60-70 % Streckgrenze | 80-90 % Streckgrenze | Bis zur Streckgrenze |
| Typische Anwendung | Standardmontage | Sicherheitskritische Verbindungen | Automotive / Aerospace A-Klasse |
| Analysetiefe mit QUANTEC MCS® | ✅ Drehmomentkontrolle | ✅✅ Vollständige Kurvenanalyse | ✅✅✅ Fingerabdruck der Verbindung |
Drehmomentgesteuertes Anziehen
Das mit Abstand verbreitetste Verfahren - einfach und günstig. Steuergröße ist ausschließlich das Drehmoment. Aufgrund der hohen Reibungsabhängigkeit wird die Schraube typischerweise nur auf 60 bis 70 % der Streckgrenze ausgelegt, um bei eventuell höherer Reibung kein Abreißen zu riskieren. Das Ergebnis: große Streubreite der tatsächlichen Klemmkraft, Überdimensionierung als Standardstrategie.
Drehwinkelgesteuertes Anziehen
Hier wird zunächst ein definiertes Voranzugsmoment aufgebracht, danach ein festgelegter Drehwinkel. Wenn die Kontaktflächen "gesetzt" sind und die Schraube in einem stabilen Bereich arbeitet, korreliert eine zusätzliche Winkelrotation eher mit zusätzlicher Dehnung als das reine Drehmoment. Die Streuung der Vorspannkraft sinkt deutlich. Eingesetzt vor allem bei sicherheitskritischen Verbindungen, wenn höhere Reproduzierbarkeit gefordert ist.
Streckgrenzgesteuertes Anziehen (SGA)
Das präziseste Verfahren: Die Schraube wird bis an die Streckgrenze angezogen - erkennbar am Abfall des Gradienten dM/dφ in der Drehmoment-Drehwinkel-Kurve. Der Vorteil des streckgrenzgesteuerten Anziehverfahrens gegenüber dem drehmomentgesteuerten Anziehen ist, dass bei gleicher Streuung der Gewindereibungszahl die Streuung der Montagevorspannkraft geringer ist. Die Schraube wird maximal ausgenutzt - was im Leichtbau (Automotive, Aerospace) erlaubt, kleinere und leichtere Schrauben einzusetzen. Voraussetzung: hochgenaue Messtechnik, die den Kurvengradienten in Echtzeit erfasst.
Für tiefergehende Informationen zur Prozesskontrolle und zu Fähigkeitsnachweisen empfehlen wir unseren Artikel zur Prozessfähigkeitsuntersuchung (PFU) nach VDI/VDE 2645-3.
QUANTEC MCS® - das Werkzeug für die vollständige Analyse
Genau hier setzt das QUANTEC MCS® von GWK an. Es wurde entwickelt, um die vollständige Drehmoment-Drehwinkel-Kurve in Echtzeit zu erfassen - und damit das zu liefern, was reine Drehmomentmessung nicht leisten kann: den Fingerabdruck Ihrer Schraubverbindung.
Festpunktlose Drehwinkelmessung
Das Herzstück des QUANTEC MCS® ist die festpunktlose Drehwinkelmessung - Drehwinkel werden ohne fixen Referenzpunkt erfasst. Das Werkzeug lässt sich frei positionieren, ohne vorherige Nullpunktsetzung. Fehler durch falsche Referenzierungen werden strukturell ausgeschlossen. Die Auflösung beträgt 0,1° - ausreichend fein für die Streckgrenzanalyse selbst bei anspruchsvollen Kleinstschrauben.
Technische Eckdaten auf einen Blick
- Messgenauigkeit: ±1 % zwischen 10 und 100 % des Nennbereiches
- Konstruktion: Robuste Alu-Titan-Konstruktion (keine Carbon-Röhren wie bei vielen Wettbewerbern) für Langzeitgenauigkeit und Haltbarkeit im Produktionseinsatz
- Datenübertragung: Drahtlose WLAN-Übertragung direkt an die Auswertesoftware
- Softwarekompatibilität: QuanLabPro, Ceus und QS-Torque
- Zusatzkanal: 16-Bit-Messkanal für externe Vorspannkraft-Sensoren (z. B. Piezo) zur direkten Klemmkraftmessung
Von der Analyse zur Prozessoptimierung
Das QUANTEC MCS® ist kein reines Prüfwerkzeug - es ist ein Analyseinstrument. Mit ihm lassen sich:
- Bestehende Schraubprozesse auf ihre tatsächliche Vorspannkraft-Reproduzierbarkeit untersuchen
- Anzugsverfahren validieren und optimieren (drehmoment-, winkel- oder streckgrenzgesteuert)
- Reibwertanalysen für unterschiedliche Schmiermittel, Beschichtungen und Materialpaarungen durchführen
- Kurvenabweichungen identifizieren, die auf Prozessprobleme hinweisen - bevor sie im Feld zu Ausfällen führen
- Grundlagen für Prozessfähigkeitsuntersuchungen (PFU) nach VDI/VDE 2645-3 schaffen - wie wir in unserem Artikel zu Cmk und Cpk in der Schraubtechnik vertiefen
Das QUANTEC MCS® ist außerdem als GWK ToolRent® flexibel mietbar - in Wochen-, Monats- oder Jahresmiete mit weltweitem Versand. Ideal für Einmalprojekte, Audits oder zur Überbrückung bis zur Investitionsentscheidung.
Fazit: Wer nur Drehmoment misst, kontrolliert den Input - nicht das Ergebnis
Das Drehmoment ist eine Eingangsgröße. Die Vorspannkraft ist das Ergebnis. Wer nur ersteres überwacht, hat keine Aussage darüber, ob die Verbindung tatsächlich so gesichert ist wie angenommen.
Für Standardverschraubungen mag die Drehmomentkontrolle ausreichen. Für sicherheitskritische Verbindungen in Automotive, Aerospace, Bahn und Maschinenbau - für alle Schraubfälle, bei denen ein Versagen Konsequenzen hat - brauchen Sie mehr. Sie brauchen den vollständigen Blick auf die Verbindung.
Die Drehmoment-Drehwinkel-Analyse liefert diesen Blick. Das QUANTEC MCS® macht ihn messbar, dokumentierbar und reproduzierbar.
Accuracy by GWK.


