Der Batteriepass bekommt die meiste Aufmerksamkeit. Dabei ist er nur der erste Schritt eines deutlich größeren regulatorischen Projekts. Mit der Ökodesign-Verordnung für nachhaltige Produkte (ESPR, Verordnung (EU) 2024/1781) hat die EU einen Rahmen geschaffen, der den Digitalen Produktpass (DPP) schrittweise für nahezu alle physischen Produkte verpflichtend machen wird - einschließlich industrieller Komponenten, Maschinen und Anlagen.
Für Produkt-, ESG- und Compliance-Verantwortliche im Maschinen- und Anlagenbau ist es jetzt an der Zeit, die Weichen zu stellen. Nicht weil morgen eine Frist abläuft, sondern weil die Daten, die ein DPP künftig erfordert, in der Fertigung entstehen - und wer sie heute nicht strukturiert erfasst, wird sie später nicht rekonstruieren können.
Was die ESPR wirklich ist - und was sie von der Batterieverordnung unterscheidet
Die ESPR (Verordnung (EU) 2024/1781) ist am 18. Juli 2024 in Kraft getreten und löst die bisherige Ökodesign-Richtlinie 2009/125/EG ab. Der entscheidende Unterschied: Die alte Richtlinie beschränkte sich auf energieverbrauchsrelevante Produkte wie Haushaltsgeräte und Heizungen. Die ESPR weitet den Anwendungsbereich auf nahezu alle physischen Güter aus - ausgenommen sind lediglich Lebensmittel, Futtermittel und Arzneimittel.
Die ESPR ist eine Rahmenverordnung. Sie legt keine produktspezifischen Anforderungen direkt fest, sondern ermächtigt die EU-Kommission, diese über delegierte Rechtsakte je Produktgruppe zu erlassen. Das bedeutet: Es gibt keinen einzigen Stichtag, an dem "der DPP" für alle gilt. Die Pflicht entsteht gestaffelt - Sektor für Sektor, sobald der jeweilige delegierte Rechtsakt verabschiedet und die Übergangsfrist abgelaufen ist.
Der Batteriepass ist ein Sonderfall. Er basiert nicht auf der ESPR, sondern auf der eigenständigen EU-Batterieverordnung (EU) 2023/1542 und ist damit der erste verbindliche digitale Produktpass mit einem konkreten Stichtag: dem 18. Februar 2027 - für Industriebatterien über 2 kWh, EV-Batterien und LMT-Batterien. Die ESPR verweist auf ihn ausdrücklich als Präzedenzfall für alle künftigen DPPs.
Batteriepass ≠ DPP nach ESPR. Der Batteriepass beruht auf Verordnung (EU) 2023/1542 und gilt ab Februar 2027. Der DPP nach ESPR (EU) 2024/1781 wird über separate delegierte Rechtsakte je Produktgruppe eingeführt. Beide Systeme sind konzeptionell verwandt, rechtlich aber getrennt. Dieser Artikel stellt keine Rechtsberatung dar.
Welche Produktgruppen als nächste kommen
Im April 2025 hat die EU-Kommission den ESPR-Arbeitsplan 2025-2030 angenommen, der die Prioritäten für die ersten delegierten Rechtsakte festlegt. Darin werden unter anderem folgende Produktgruppen als vorrangig benannt:
| Produktgruppe | Erwarteter Zeitraum | Relevanz für Maschinenbau |
|---|---|---|
| Eisen & Stahl | Ab 2026 | Hoch – Grundwerkstoff für Maschinen und Anlagen |
| Aluminium | Ab 2027 | Hoch – Leichtbaukomponenten, Gehäuse |
| Elektronik / IKT | Ab 2027 | Mittel – eingebettete Steuerungen, Sensorik |
| Textilien / Bekleidung | Ab 2027 | Gering – nur indirekt relevant |
| Möbel, Reifen, Matratzen | Ab 2027/2028 | Gering |
| Maschinen & Anlagen | Folgewellen bis 2030+ | Direkt – delegierter Rechtsakt in Vorbereitung |
Für Unternehmen im Maschinenbau, die Stahl- oder Aluminiumkomponenten verbauen oder in Verkehr bringen, ist 2026 bereits ein relevanter Zeitraum. Nach Veröffentlichung eines delegierten Rechtsakts gilt in der Regel eine Übergangsfrist von mindestens 18 Monaten bis zur Pflichtanwendung.
Wichtig: Entscheidend für die DPP-Pflicht ist das Inverkehrbringen in der EU - unabhängig vom Produktionsstandort.
Was ein DPP enthalten muss - und warum Fertigungsdaten dazugehören
Der DPP ist ein strukturierter, maschinenlesbarer Datensatz, der über einen Datenträger (QR-Code, NFC, RFID) mit dem physischen Produkt verknüpft ist. Er dokumentiert produktbezogene Informationen über den gesamten Lebenszyklus: von der Entwicklung und Herstellung über Nutzung und Wartung bis hin zu Reparatur, Wiederverwendung und Recycling.
Die konkreten Datenfelder werden je Produktgruppe durch den delegierten Rechtsakt festgelegt. Auf Basis der ESPR-Anforderungen und des Batteriepasses als Referenzmodell zeichnet sich ab, welche Kategorien typischerweise relevant sein werden:
- Materialherkunft und Zusammensetzung - Rohstoffquellen, Recyclinganteile, kritische Substanzen
- CO₂-Fußabdruck - produktbezogen, über den Lebenszyklus
- Reparierbarkeit und Demontierbarkeit - Verfügbarkeit von Ersatzteilen, Anleitungen, Werkzeugzugang
- Konformitätsnachweise - CE-Erklärungen, Prüfberichte, Zertifikate
- Fertigungs- und Prozessdaten - Herstellungsdetails, Qualitätsnachweise, Rückverfolgbarkeit
Gerade der letzte Punkt ist für Hersteller industrieller Produkte neu. Bislang verteilte Informationen zu Materialien, Stücklisten, Zulieferteilen und Fertigungsdaten müssen künftig zentral erfasst, harmonisiert und in einem standardisierten Format bereitgestellt werden. Wer diese Daten heute noch in isolierten Systemen oder Tabellen hält, wird beim Aufbau eines DPP-konformen Datensatzes erheblichen Nachholbedarf feststellen.
Reparierbarkeit als Designkriterium - und die Rolle lösbarer Verbindungen
Die ESPR führt bis zu 16 Ökodesignanforderungen ein. Neben Energieeffizienz und CO₂-Fußabdruck gehören dazu ausdrücklich: Reparierbarkeit, Wiederverwendbarkeit, Nachrüstbarkeit und die Möglichkeit der Demontage. Die ESPR wird schrittweise für fast alle physischen Waren Anforderungen an Haltbarkeit und Reparierbarkeit festlegen.
Das hat direkte Konsequenzen für die Konstruktion: Eine Verbindung, die sich zerstörungsfrei lösen lässt, ist nicht nur ein technisches Merkmal - sie wird zum dokumentierbaren Nachhaltigkeitsmerkmal im DPP. Ob ein Bauteil repariert, aufgearbeitet oder sortenrein recycelt werden kann, hängt maßgeblich davon ab, wie es gefügt ist.
Lösbare Schraubverbindungen sind in diesem Kontext ein unterschätzter Hebel. Sie ermöglichen:
- Reparatur ohne Zerstörung - Komponenten können ausgetauscht werden, ohne das Gesamtprodukt zu beschädigen
- Sortenreine Demontage - Materialfraktionen lassen sich trennen und dem Recycling zuführen
- Nachweisbare Wiederverwendbarkeit - dokumentierte Verbindungsparameter belegen, dass eine Verbindung spezifikationsgerecht gelöst und neu hergestellt werden kann
Für den DPP bedeutet das: Nicht nur die Tatsache, dass eine Verbindung lösbar ist, zählt - sondern auch der Nachweis, dass sie korrekt hergestellt wurde und unter welchen Bedingungen sie sich lösen lässt.
Warum Schraubdaten zu Produktdaten werden
Hier liegt der direkte Bezug zur Fertigungsdokumentation. Ein DPP, der Reparierbarkeit und Kreislauffähigkeit belegen soll, braucht Daten, die in der Montage entstehen. Konkret: Drehmoment, Drehwinkel, Werkzeug-ID, Zeitstempel und Ergebnisstatus jedes einzelnen Schraubvorgangs.
Diese Daten sind heute in vielen Fertigungsumgebungen bereits vorhanden - aber oft nicht in einer Form, die für einen produktbezogenen Lebenslaufdatensatz geeignet ist. Die Anforderung des DPP ist nicht nur "Daten vorhanden", sondern: strukturiert, maschinenlesbar, rückverfolgbar und über den Produktlebenszyklus abrufbar.
Was das für die Schraubtechnik bedeutet:
- Jeder Schraubvorgang muss einer eindeutigen Produktkennung zugeordnet werden können
- Werkzeugdaten müssen rückverfolgbar sein - bis zur letzten Kalibrierung
- Messwerte müssen in offenen, interoperablen Formaten exportierbar sein
- Die Messkette muss auf nationale oder internationale Normale rückführbar sein
Der OPERATOR® von GWK erfasst Drehmoment und Drehwinkel je Schraubvorgang mit WLAN-Datenübertragung in Echtzeit. Der OPERATOR® EST01 kommuniziert über SPS und Open Protocol direkt mit der Produktionsanlage und ermöglicht so die lückenlose Zuordnung von Schraubdaten zu Seriennummern und Fertigungsaufträgen. Die Software EasyWin® und QuanLab Pro® archivieren diese Daten revisionssicher und exportierbar.
Das QUANTEC MCS® Analysewerkzeug mit festpunktloser Drehwinkelmessung liefert die Datenbasis für die Entwicklung und Qualitätssicherung: Welches Anzugsverfahren erzeugt welche Klemmkraft? Wie verhält sich die Verbindung unter Betriebsbedingungen? Diese Erkenntnisse fließen in die Prozessparameter ein - und damit in die Dokumentation, die ein DPP künftig abbilden muss.
Die DAkkS-akkreditierte Kalibrierung - stationär im GWK-Labor oder mobil vor Ort - stellt sicher, dass die Messwerte auf nationale Normale rückführbar sind. Das ist keine Selbstverständlichkeit, aber eine Voraussetzung dafür, dass Fertigungsdaten als belastbare Produktdaten gelten können.
Drei Handlungsfelder für Hersteller im Maschinenbau
Die delegierten Rechtsakte für Maschinen und Anlagen stehen noch aus. Das ist kein Grund zur Entwarnung - es ist ein Zeitfenster. Wer jetzt die Grundlagen legt, vermeidet später Nachholaufwand unter Zeitdruck.
Prüfen Sie, welche Ihrer Produktgruppen unter priorisierte ESPR-Kategorien fallen — insbesondere wenn Sie Stahl- oder Aluminiumkomponenten in Verkehr bringen. Auch als Zulieferer können Sie betroffen sein, wenn Ihre Abnehmer DPP-Daten von Ihnen einfordern.
Erfassen Sie, welche produktbezogenen Daten heute wo vorliegen: Materialzusammensetzung, CO₂-Kennzahlen, Fertigungsdaten, Kalibrierungsnachweise. Isolierte Systeme und fehlende Rückverfolgbarkeit sind die häufigsten Schwachstellen.
Stellen Sie sicher, dass Schraubdaten (Drehmoment, Drehwinkel, Werkzeug-ID, Ergebnisstatus) produktbezogen archiviert und exportierbar sind. Die Rückführbarkeit der Messkette auf DAkkS-akkreditierte Kalibrierung ist dabei ein zentrales Qualitätsmerkmal.
Welche Daten Ihr Produkt heute schon braucht - ein Selbstcheck
Nutzen Sie das folgende interaktive Tool, um einzuschätzen, wie gut Ihre aktuelle Fertigungsdokumentation auf die Anforderungen eines Digitalen Produktpasses vorbereitet ist.
Fazit: Fertigungsdaten sind die Grundlage des DPP
Der Digitale Produktpass ist kein IT-Projekt, das man kurz vor dem Stichtag aufsetzt. Er ist ein Spiegel der tatsächlichen Datenrealität eines Unternehmens - und die entsteht in der Fertigung, nicht im Büro.
Für Hersteller industrieller Produkte bedeutet das: Die Qualität der Schraubdokumentation, die Rückführbarkeit der Messkette und die Strukturiertheit der Fertigungsaufzeichnungen werden zu Compliance-Faktoren. Wer heute lückenlos dokumentiert - mit rückverfolgbaren Werkzeugen, revisionssicherer Archivierung und DAkkS-akkreditierter Kalibrierung - legt die Grundlage für einen DPP-konformen Produktdatensatz.
Die delegierten Rechtsakte für den Maschinenbau stehen noch aus. Aber die Daten, die sie einfordern werden, entstehen jetzt. Accuracy by GWK.




