Ein Drehmomentschlüssel, der außerhalb der Toleranz liegt, fällt in der Produktion selten auf - bis ein Audit, ein Feldausfall oder ein Rückruf das Problem sichtbar macht. Dann ist der Schaden längst entstanden. Genau hier setzt Predictive Maintenance für Schraubwerkzeuge an: nicht warten, bis etwas bricht, sondern Drift und Verschleiß erkennen, bevor sie die Qualität gefährden.

Dieser Beitrag zeigt, welche Datensignale wirklich zählen, wie sich Kalibrierintervalle datenbasiert steuern lassen - und wie GWK-Werkzeuge, der DAkkS-Kalibrierservice und GWK ToolRent® dabei zusammenspielen.


Drei Wartungsstrategien - und warum zwei davon zu kurz greifen

Bevor es um Daten geht, lohnt ein klarer Blick auf die drei Grundstrategien:

StrategieAuslöserTypisches RisikoKalibrierplanung
ReaktivAusfall oder Messfehler tritt aufUngeplanter Stillstand, Qualitätsmängel bereits verbautKeine – Kalibrierung nach Ereignis
PräventivFester Zeitplan (z. B. jährlich)Unnötige Kalibrierungen oder zu lange IntervalleStarr nach Kalender oder Herstellervorgabe
PrädiktivDatenbasierter ZustandsindikatorMinimal – Eingriff erfolgt zum optimalen ZeitpunktDynamisch nach tatsächlichem Werkzeugzustand

Reaktive Instandhaltung bedeutet: Eingriff erst nach einem Ausfall - sinnvoll bei unkritischen Anlagen, aber gefährlich bei Präzisionswerkzeugen in sicherheitskritischen Schraubfällen. Reaktive Wartung kostet Unternehmen oft vier- bis fünfmal so viel wie proaktive Instandhaltungsoptionen - allein durch Notfallreparaturen, Eilbestellungen und ungeplante Stillstände.

Präventive Wartung erfolgt nach festen Zeit- oder Zyklenintervallen, unabhängig vom tatsächlichen Zustand eines Bauteils. Prädiktive Wartung dagegen basiert auf Sensordaten und Modellen, die den Verschleiß bewerten und den individuellen optimalen Wartungszeitpunkt vorhersagen.

Bei der präventiven Wartung werden die Wartungsintervalle nach einem festen Muster oder nach Erfahrung festgelegt - im schlimmsten Fall werden Verschleißteile ausgetauscht, die noch reibungslos funktionieren. Das verursacht auf Dauer erhebliche Kosten, da die Materialkosten ohne konkrete Ursache steigen.

Für Schraubwerkzeuge in der Automotive- oder Aerospace-Fertigung ist das keine theoretische Debatte. Erfahrungen aus der Prüfpraxis zeigen, dass bei Erstprüfungen bis zu drei Viertel aller Drehmomentschlüssel außerhalb der Toleranz liegen. Ein Drehmomentschlüssel, der nicht regelmäßig kalibriert wird, liefert keine verlässlichen Werte - und damit ist die dokumentierte Qualität jeder Schraubverbindung in Frage gestellt.


Die vier Datensignale, die Drift und Verschleiß anzeigen

Predictive Maintenance für Schraubwerkzeuge funktioniert nicht mit einem einzigen Sensor. Es braucht das Zusammenspiel mehrerer Messgrößen, die gemeinsam ein Zustandsbild ergeben.

1. Messwertabweichung (Drift)

Drift ist das schleichendste Problem. Ein Werkzeug, das heute noch innerhalb der Toleranz liegt, kann morgen - nach tausend weiteren Zyklen oder einem Temperaturstoß - systematisch zu hoch oder zu niedrig messen. Montagelinien nutzen Predictive Maintenance, um Drehmoment, Aktuatorwärme und Ausrichtung zu überwachen. Kleine Abweichungen können auf Kalibrierungsdrift oder mechanische Ermüdung hinweisen und ermöglichen es Wartungsteams, Probleme zu beheben, bevor sie zu Produktionsfehlern oder Qualitätsmängeln führen.

Für elektronische Drehmoment- und Drehwinkelwerkzeuge wie den OPERATOR® oder das QUANTEC MCS® Analysewerkzeug bedeutet das: Jeder Messwert ist ein Datenpunkt. Über Serienauswertungen in QuanLab Pro® lässt sich der Mittelwert-Trend über Zeit und Zyklenzahl verfolgen. Weicht der gleitende Mittelwert systematisch vom Referenzwert ab, ist das ein klares Driftsignal - lange bevor die Toleranzgrenze gerissen wird.

2. Streuung (Standardabweichung / Cpk)

Ein Werkzeug kann im Mittel korrekt messen und trotzdem ein Problem haben: wenn die Streuung zunimmt. Steigende Standardabweichung über aufeinanderfolgende Messreihen zeigt an, dass mechanische Komponenten - Getriebe, Wechselvierkant, Sensorik - an Präzision verlieren.

Relevante Daten wie Schwingungen, Temperatur, Druck oder Zykluszahlen werden von Sensoren erfasst, durch Algorithmen analysiert und in konkrete Handlungsempfehlungen umgewandelt. So können Unternehmen Anomalien, Verschleiß oder schleichende Abweichungen frühzeitig erkennen.

Die Prozessfähigkeitsuntersuchung (PFU) nach VDI/VDE 2645-3 - für die das Q-CHECK® QS- und Audit-Werkzeug ausgelegt ist - liefert genau diese Streuungskennzahlen. Ein sinkender Cmk-Wert über mehrere Prüfzyklen ist ein verlässlicher Frühindikator für nachlassende Werkzeugqualität.

3. Temperaturverhalten

Temperatur ist einer der unterschätztesten Einflussfaktoren. Extreme Temperaturen (unter -10 °C oder über 50 °C) beeinflussen das Federverhalten und damit die Auslösegenauigkeit mechanischer Werkzeuge. Bei elektronischen Sensoren ist der Effekt subtiler, aber messbar: Sowohl der nichtlineare Nullpunktsdrift als auch die E-Moduländerung über der Temperatur müssen kompensiert werden. Nur so kann der Anspruch an die Messgenauigkeit über den gesamten Betriebstemperaturbereich sichergestellt werden. Ohne Kompensationsmaßnahmen muss man mit erheblicher Messwertabweichung rechnen.

Für Predictive Maintenance bedeutet das: Temperaturlogs aus dem Werkzeug oder der Umgebung müssen mit Messwertabweichungen korreliert werden. Steigt die Abweichung konsistent mit der Betriebstemperatur, liegt ein thermisches Driftproblem vor - kein mechanisches.

4. Zyklenzahl und Betriebshistorie

Wurde ein Werkzeug gerade erst eingesetzt, entspricht seine Leistung noch den ursprünglichen Referenzwerten. Je länger das Werkzeug jedoch arbeitet, desto stärker weichen die Messwerte ab. Die Zyklenzahl ist damit der einfachste, aber auch der gröbste Indikator. Kombiniert mit den anderen drei Signalen ergibt sie ein vollständiges Bild: Ein Werkzeug mit 50.000 Zyklen unter konstanten Bedingungen verhält sich anders als eines mit 50.000 Zyklen unter wechselnden Temperaturen und hoher Schlagbelastung.

lightbulb Tip

Vier Signale, ein Zustandsbild: Messwertabweichung (Drift), Streuung (Cpk/Cmk), Temperaturkorrelation und Zyklenzahl sollten immer gemeinsam ausgewertet werden. Einzelne Signale können täuschen – ihre Kombination nicht.


Von starren Intervallen zu datenbasierten Kalibrierentscheidungen

Das klassische Kalibrierintervall - einmal jährlich, unabhängig vom Zustand - ist ein Kompromiss. Er schützt vor dem Schlimmsten, ist aber weder effizient noch präzise.

Messgeräte werden meist ohne Rücksicht auf die individuelle Aufgabe und den individuellen Nutzungsgrad nach festen Intervallen einmal jährlich gewartet und neu kalibriert. Das verursacht Aufwand, hohe Stillstandzeiten und bietet darüber hinaus keine weitere Erkenntnis zum Einsatzverhalten des Geräts in der Produktion.

Der datenbasierte Ansatz funktioniert in drei Stufen:

1
Baseline erfassen

Direkt nach der DAkkS-Kalibrierung werden Referenzwerte für Drehmoment-Mittelwert, Streuung und Temperaturverhalten dokumentiert. Diese Baseline ist der Ankerpunkt für alle späteren Trendanalysen.

2
Kontinuierlich überwachen

Jeder Produktionszyklus liefert Messdaten. Software wie QuanLab Pro® oder EasyWin® archiviert diese und berechnet gleitende Kennzahlen: Mittelwertdrift, Standardabweichung, Cpk-Verlauf. Schwellenwerte lösen automatisch Warnmeldungen aus.

3
Kalibrierung bedarfsgerecht auslösen

Statt eines fixen Kalendereintrags wird die Kalibrierung ausgelöst, wenn ein definierter Schwellenwert überschritten wird – z. B. Drift > 0,5 % vom Referenzwert oder Cpk < 1,33. Das Werkzeug bestimmt seinen eigenen Kalibrierzeitpunkt.

Mit diesem Ansatz können Wartungs- und Kalibrierintervalle variabel und kostenminimal geplant werden, ohne an Sicherheit bezüglich der Messstabilität zu verlieren.

Vorausschauende Instandhaltung kann die Kosten um 25-30 % senken und bietet eine 10-fache Investitionsrendite (ROI). Für Schraubwerkzeuge in der Serienfertigung bedeutet das: weniger unnötige Kalibrierungen, keine übersehenen Driftprobleme, lückenlose Dokumentation für Audits.

Mehr zu den normativen Grundlagen - DIN EN ISO 6789, VDI/VDE 2645 und den Anforderungen an Kalibrierintervalle - finden Sie in unserem [1].


Das Zusammenspiel: DAkkS-Kalibrierservice, DWPM Prüfmaschine und ToolRent®

Predictive Maintenance liefert den richtigen Zeitpunkt. Was dann folgt, muss präzise, rückverfolgbar und normkonform sein.

DAkkS-akkreditiertes Kalibrierlabor: GWK betreibt ein eigenes DAkkS-akkreditiertes Kalibrierlabor mit der vollautomatischen DWPM Prüfmaschine der Genauigkeitsklasse 0,2. Damit werden Drehmoment- und Drehwinkelschlüssel nach den höchsten messtechnischen Standards kalibriert - stationär im Labor oder mobil direkt beim Kunden. Für Automotive-OEMs und Tier-1-Zulieferer, die lückenlose Rückverfolgbarkeit benötigen, ist das der entscheidende Unterschied zu einer einfachen Werkskalibrierung.

Kalibrierintervall fällig oder Drift-Alarm ausgelöst? Buchen Sie den GWK DAkkS-Kalibrierservice – stationär oder mobil vor Ort, mit Kalibrierschein nach DIN EN ISO 17025.

Kalibrierservice buchen - stationär oder mobil vor Ort

GWK ToolRent®: Predictive Maintenance zeigt an, wann ein Werkzeug kalibriert oder ausgetauscht werden muss. GWK ToolRent® löst das Beschaffungsproblem: Kalibrierte Präzisionswerkzeuge auf Abruf - wochen-, monats- oder jahresweise, weltweit versandt. Wer ein Werkzeug zur Kalibrierung einschickt, kann nahtlos mit einem kalibrierten Leihgerät weiterarbeiten. Kein Produktionsstopp, keine Investitionskosten für Reservewerkzeuge.

QUANTEC MCS® und Q-CHECK® als Datenquellen: Das QUANTEC MCS® Analysewerkzeug mit festpunktloser Drehwinkelmessung liefert die hochpräzisen Messdaten, aus denen Drift und Streuung berechnet werden. Das Q-CHECK® QS- und Audit-Werkzeug - mit ±1 % Genauigkeit zwischen 10 und 100 % des Nennbereiches und 2 GB Speicher - eignet sich für regelmäßige Stichprobenprüfungen, die den Zustandstrend zwischen den DAkkS-Kalibrierungen dokumentieren.

Isometric illustration of a modern industrial assembly station: a precision torque wrench connected via WLAN to a laptop showing a real-time measurement trend chart with drift indicators and calibration threshold markers, clean factory floor background with soft overhead lighting

Predictive Maintenance in der Praxis: Was Sie heute tun können

Der Einstieg muss nicht komplex sein. Einfache prädiktive Ansätze können bereits mit statistischen Modellen und Trendanalysen realisiert werden - KI ist dafür nicht zwingend erforderlich.

Ein pragmatischer Einstiegspfad für Fertigungsbetriebe:

  • Schritt 1: Alle Schraubwerkzeuge mit DAkkS-Kalibrierung auf eine dokumentierte Baseline bringen.
  • Schritt 2: Messdaten systematisch erfassen - über QuanLab Pro® oder EasyWin® - und Schwellenwerte für Drift und Streuung definieren.
  • Schritt 3: Kalibrierintervalle nicht mehr nach Kalender, sondern nach Schwellenwertüberschreitung auslösen.
  • Schritt 4: GWK ToolRent® als Puffer nutzen, damit Kalibrierungen keine Produktionslücken reißen.

Über 60 % der deutschen KMU sehen intelligente Instandhaltung als wichtigsten Digitalisierungshebel - laut VDMA 2024. Für Schraubwerkzeuge ist der Einstieg dabei vergleichsweise niedrigschwellig: Die Daten sind bereits vorhanden, die Werkzeuge liefern sie mit jedem Zyklus. Es geht darum, sie zu nutzen.


Ihr Werkzeugzustand auf einen Blick: Drift-Risiko-Rechner

Nutzen Sie den interaktiven Rechner, um einzuschätzen, wie hoch das Drift-Risiko Ihrer Schraubwerkzeuge aktuell ist - basierend auf Zyklenzahl, letztem Kalibrierintervall und Einsatzbedingungen.


Fazit: Daten ersetzen den Kalender

Predictive Maintenance für Schraubwerkzeuge ist kein Zukunftsprojekt - es ist eine logische Konsequenz aus den Daten, die moderne elektronische Werkzeuge ohnehin erzeugen. Messwertabweichung, Streuung, Temperaturkorrelation und Zyklenzahl sind die vier Signale, die Drift und Verschleiß sichtbar machen, bevor sie Qualitätsprobleme verursachen.

Wer diese Daten systematisch auswertet, ersetzt starre Kalibrierkalender durch bedarfsgerechte Eingriffe - und verbindet das mit einem DAkkS-akkreditierten Kalibrierservice und einem flexiblen Mietmodell zu einem geschlossenen System. Accuracy by GWK.

Lassen Sie Ihren aktuellen Schraubprozess analysieren – wir zeigen Ihnen, welche Daten Ihre Werkzeuge bereits liefern und wie Sie daraus datenbasierte Kalibrierintervalle ableiten.

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