Sie drehen eine Schraube auf das vorgeschriebene Anzugsmoment - und glauben, die Verbindung sitzt. Tatsächlich ist in diesem Moment das meiste bereits verloren: an Reibung. Wer versteht, wie Anzugsmoment, Reibungszahl und Vorspannkraft zusammenhängen, trifft bessere Konstruktions- und Prozessentscheidungen. Dieser Artikel erklärt die Physik dahinter - präzise, ohne Vereinfachungen, mit direktem Bezug zur VDI 2230.


Die 90/10-Regel: Was Ihr Drehmoment wirklich bewirkt

Stellen Sie sich vor, Sie bringen 100 Nm auf eine Schraube auf. Wie viel davon erzeugt tatsächlich Klemmkraft?

Bei einem typischen Gesamtreibwert von µ_ges = 0,12 gehen rund 85-90 % des Anzugsmoments durch Reibung verloren - nur der verbleibende Rest erzeugt die eigentliche Vorspannkraft in der Schraube. Konkret aufgeteilt: Ohne Schmierung gehen etwa 50 % des Drehmoments durch Kopfreibung und 40 % durch Gewindereibung verloren, sodass nur rund 10 % für die Vorspannkraft verbleiben.

Das ist keine Ineffizienz, die sich wegkonstruieren lässt - es ist Physik. Aber es ist eine Physik, die sich beherrschen lässt, wenn man die Stellgrößen kennt.

Die VDI-2230-Formel im Klartext

Die VDI 2230 beschreibt den Zusammenhang zwischen Anzugsmoment M_A und Vorspannkraft F_V mit der vollständigen Formel:

M_A = F_V × (0,16 × P + 0,58 × µ_G × d₂ + µ_K × D_Km / 2)

Dabei bedeuten:

  • P - Gewindesteigung
  • µ_G - Gewindereibungszahl (Reibung zwischen Schrauben- und Mutterngewinde)
  • d₂ - Flankendurchmesser des Gewindes
  • µ_K - Kopfreibungszahl (Reibung unter Schraubenkopf oder Mutter)
  • D_Km - mittlerer Reibradius unter dem Kopf

Das Anzugsmoment setzt sich also aus zwei Anteilen zusammen: dem Gewindemoment M_G zum Überwinden der Gewindereibung und dem Kopfreibmoment M_K für die Reibung an der Auflagefläche. Die Vorspannkraft F_V erscheint in der Formel als Faktor - sie ist das Ergebnis, nicht die Eingangsgröße.

Was folgt daraus? Wer das Anzugsmoment vorgibt, aber µ_G und µ_K nicht kennt, kann F_V nicht sicher vorhersagen. Die Reibungszahl ist die entscheidende, aber schwer kontrollierbare Stellgröße.


Warum µ so schwer zu kontrollieren ist

Typische Streubreiten in der Praxis

Die Reibungszahl ist keine Materialkonstante - sie ist ein Systemparameter, der von Beschichtung, Schmierung, Werkstoffpaarung, Oberflächenrauheit und sogar der Anzugsgeschwindigkeit abhängt.

Die VDI 2230 unterscheidet zwei Reibungszahlklassen: Klasse A (enge Streuung, µ = 0,08 bis 0,16, bei definierten Schmierbedingungen) und Klasse B (große Streuung, µ = 0,10 bis 0,23, bei undefinierten Verhältnissen).

Typische Richtwerte aus der Praxis:

Reibungszahlen µ_ges nach Oberflächenzustand und Schmierung (Richtwerte nach VDI 2230)
Zustand / Beschichtungµ_ges minµ_ges maxHinweis
Blank, trocken0,140,24Hohe Streuung, nicht empfohlen
Blank, leicht geölt0,100,16Lieferzustand vergütungsschwarz
Galvanisch verzinkt, trocken0,120,18Standardfall Maschinenbau
Galvanisch verzinkt, geschmiert0,080,12Deutlich engeres Fenster
Festschmierstoff (MoS₂, PTFE)0,040,10Klasse A, enge Streuung
Zink-Lamellen-Beschichtung0,080,14Automotive-Standard
Edelstahl, trocken0,200,40Sehr hohe Streuung, Fressneigung

Besonders kritisch: Dreiwertig passivierte Zinkoberflächen (Chrom-III-Passivierung, seit RoHS-Umstellung verbreitet) weisen ein deutlich erweitertes Reibungszahlfenster von µ_ges = 0,18-0,38 auf, gegenüber µ_ges = 0,21-0,28 bei den früheren Chromatierungen. Wer sein Anzugsmoment auf Basis älterer Beschichtungsdaten festgelegt hat und auf Chrom-III umgestellt hat, ohne die Reibungszahl neu zu ermitteln, riskiert systematisch zu niedrige Vorspannkräfte.

Wie Reibungsschwankungen die Vorspannkraft verschieben

Der direkte Einfluss ist erheblich: Wenn bei konstantem Anzugsmoment die Unterkopfreibungszahl von 0,10 auf 0,16 steigt, verringert sich die Montagevorspannkraft um 22 %. Das ist kein Randfall - das ist der Unterschied zwischen einer sicheren und einer unterspannten Verbindung.

Hinzu kommt: Jede einzelne Schraubverbindung weist eine spezifische Montagevorspannkraft auf, auch wenn ein Fertigungslos gleicher Schraubenverbindungen exakt gleich angezogen wird - Hauptursache ist die unvermeidliche Streuung der Reibungszahlen im Gewinde und unter dem Schraubenkopf.


Der Anziehfaktor α_A: Wie die VDI 2230 mit Streuung umgeht

Die VDI 2230 quantifiziert die Streuung über den Anziehfaktor α_A - das Verhältnis von maximaler zu minimaler erzielbarer Vorspannkraft bei einem bestimmten Anziehverfahren.

Beim drehmomentgesteuerten Anziehen liegt α_A typisch zwischen 1,4 und 2,0 - das bedeutet: die maximale Vorspannkraft kann doppelt so groß sein wie die minimale. Bei undefinierten Reibungsverhältnissen (Klasse B) steigt α_A sogar auf 2,5 bis 4,0.

Die Konsequenz für die Konstruktion: Je größer α_A, desto mehr muss die Schraube im Worst Case aushalten - und desto mehr Vorspannkraft geht im Best Case verloren. Das Fenster zwischen "zu wenig Klemmkraft" und "Schraube überlastet" wird eng.

AnziehverfahrenAnziehfaktor α_AVorspannkraft-StreuungAnforderung
Drehmomentgesteuert1,4 – 2,5 (Klasse B bis 4,0)±50 %Einfacher Drehmomentschlüssel
Drehmoment-Drehwinkel1,1 – 1,3±15 %Programmierbare Steuerung + Winkelerfassung
Streckgrenzgesteuert1,0 – 1,2< ±10 %Spezielle Steuerung, Gradientenerkennung

Fazit: Das drehwinkelgesteuerte Anziehen reduziert die Vorspannkraftstreuung auf ±15 %, da der Drehwinkel direkter mit der Schraubendehnung zusammenhängt als das Drehmoment. Die reine Drehmomentsteuerung ist bei unbekannter oder schwankender Reibung strukturell ungenau - nicht wegen des Werkzeugs, sondern wegen der Physik.


Setzverhalten: Der stille Vorspannkraftverlust nach der Montage

Selbst eine korrekt angezogene Verbindung verliert nach der Montage Vorspannkraft. Typische Setzverluste betragen je nach Verbindungstyp 5 bis 25 % der Montagevorspannkraft. Ursache: Mikrorauheiten an Kopfauflage, Gewinde und Trennfuge glätten sich unter Last plastisch - die Verbindung "setzt sich".

Die VDI 2230 berücksichtigt diesen Effekt über den Setzbetrag f_Z. Besonders ausgeprägt ist das Setzverhalten bei:

  • Mehreren Trennfugen (jede Fuge trägt zum Gesamtsetzbetrag bei)
  • Weichen Werkstoffen wie Aluminium oder Kunststoff
  • Kurzen Klemmlängen (geringes elastisches Reservoir)
  • Hohen Flächenpressungen unter dem Schraubenkopf

Wer Setzverhalten in der Schraubkurve sehen möchte, braucht mehr als einen Drehmomentwert am Ende des Anzugs - er braucht den vollständigen Drehmoment-Drehwinkel-Verlauf.


Die Schraubkurve: Der Fingerabdruck der Verbindung

Was sieht ein Konstrukteur, der nur das Endmoment kennt? Einen einzigen Punkt. Was sieht er mit der vollständigen Drehmoment-Drehwinkel-Kurve? Die gesamte Geschichte der Verbindung.

Eine vollständige Schraubkurve zeigt vier charakteristische Phasen:

1
Einschraubphase

Schraube dreht frei ins Gewinde. Drehmoment nahe null, Winkel steigt linear. Auffälligkeiten hier deuten auf Gewindefehler, Schmutz oder falsches Gewinde hin.

2
Kopfauflage / Klemmbeginn

Schraubenkopf trifft auf die Auflagefläche. Erkennbar am markanten Drehmomentanstieg. Die Steigung der Kurve ab hier ist ein direktes Maß für die Systemsteifigkeit (Schraubenfall-Härte).

3
Elastischer Anzugsbereich

Linearer Drehmoment-Drehwinkel-Anstieg. Die Steigung (Gradient) ist proportional zur Systemsteifigkeit. Abweichungen vom linearen Verlauf zeigen Setzerscheinungen, Nachgiebigkeiten oder plastische Verformungen.

4
Abschluss / Zielwert

Soll-Drehmoment oder Soll-Drehwinkel erreicht. Bei drehwinkelgesteuerten Verfahren: definierter Winkel nach Voranzugsmoment. Die Kurvenform bis hierher entscheidet über IO/NIO-Bewertung.

Der entscheidende Vorteil der Kurvenanalyse gegenüber reiner Drehmomentkontrolle: Die Steigung im elastischen Bereich ist reibungsunabhängig. Sie hängt von der Systemsteifigkeit ab - von Schraubendehnung und Klemmteilnachgiebigkeit. Damit lässt sich aus der Kurve ableiten, ob die Verbindung tatsächlich die gewünschte Vorspannkraft erreicht hat - unabhängig davon, ob µ heute 0,10 oder 0,16 war.

Technical isometric diagram of a torque-angle curve (Schraubkurve) with four labeled phases: free run-down, head seating, elastic clamping zone with linear gradient, and final torque target. Clean engineering illustration style, white background, German axis labels 'Drehmoment [Nm]' and 'Drehwinkel [°]'

Reibungszahl ermitteln statt schätzen: Der Praxisansatz

Wie bestimmt man µ_G und µ_K für eine konkrete Verbindung zuverlässig?

Die Reibungszahlen lassen sich nicht direkt messen - sie müssen aus gemessenen Drehmomenten und Vorspannkräften berechnet werden. Dazu sind mindestens zwei Messgrößen erforderlich: das Gesamtanzugsmoment und - für die Trennung von Gewinde- und Kopfreibung - das Teilmoment.

In der Praxis bedeutet das: Ein Analysewerkzeug muss die vollständige Drehmoment-Drehwinkel-Kurve mit ausreichender Auflösung erfassen, ohne dass ein fester Referenzpunkt (Festpunkt) am Bauteil benötigt wird. Genau hier liegt der Unterschied zwischen einem einfachen Drehmomentschlüssel und einem Analysewerkzeug wie dem QUANTEC MCS® von GWK.

Die festpunktlose Drehwinkelmessung des QUANTEC MCS® erfasst den Drehwinkel unabhängig von einem definierten Startpunkt - ein entscheidender Vorteil bei Verbindungen, bei denen der Anzugsbereich nicht exakt reproduzierbar beginnt, wie es bei variablem Reibungsverhalten häufig der Fall ist. Mit einer Genauigkeit von ±1 % zwischen 10 und 100 % des Nennbereiches liefert das Werkzeug die Datenbasis, um µ_G und µ_K für eine konkrete Verbindung zu ermitteln und den Anziehfaktor α_A messtechnisch zu belegen - statt ihn aus Tabellen zu schätzen.

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Was das für Konstrukteure und Prozessplaner bedeutet

Drei Schlussfolgerungen, die sich direkt aus der Physik ableiten:

1. µ muss definiert, nicht angenommen werden. Wer das Anzugsmoment aus einer Tabelle entnimmt, ohne die Reibungsbedingungen seiner konkreten Verbindung zu kennen, arbeitet mit einer unbekannten Stellgröße. Für eine sichere Montage ist es wichtig, die Reibungsbedingungen genau zu definieren und deren Streuung so eng wie möglich zu halten. Das gilt besonders nach Beschichtungs- oder Lieferantenwechseln.

2. Schmierung ist kein Komfort, sondern Prozessparameter. Schmierung verringert µ und verengt die Streuung - aber nur, wenn sie reproduzierbar appliziert wird. Zusätzliche Schmierung der Gewinde verändert die Reibungszahl erheblich und führt zu unbestimmten Anziehverhältnissen, wenn sie nicht in der Auslegung berücksichtigt wurde. Ein definierter Schmierstoff mit dokumentiertem µ-Fenster ist besser als kein Schmierstoff mit breitem Streuband.

3. Drehmomentsteuerung allein reicht bei kritischen Verbindungen nicht. Das Drehmoment ist die am häufigsten verwendete Steuergröße in der Schraubtechnik - aber es ist eine indirekte Größe. Die Vorspannkraft hängt immer von µ ab. Wer Prozesssicherheit nachweisen muss (VDI/VDE 2862, A-Klasse-Verschraubungen), braucht die Drehmoment-Drehwinkel-Analyse als Grundlage - nicht als Option.


Fazit: µ sehen, nicht raten

Die Reibungszahl µ ist die unsichtbare Stellgröße jeder Schraubverbindung. Sie entscheidet, wie viel von Ihrem Anzugsmoment als Vorspannkraft ankommt - und wie stark diese Vorspannkraft von Verbindung zu Verbindung schwankt. Wer µ kennt und kontrolliert, kann α_A minimieren, Anzugsmomente präzise auslegen und Prozessstreuung nachweisbar reduzieren.

Die Drehmoment-Drehwinkel-Analyse macht µ sichtbar. Sie zeigt nicht nur den Endwert, sondern die gesamte Schraubkurve - mit allen Informationen über Systemsteifigkeit, Setzverhalten und Reibungszustand. Das QUANTEC MCS® von GWK ist dafür entwickelt worden: als kompaktes Schraublabor, das überall dort eingesetzt werden kann, wo Verbindungen ausgelegt, validiert oder überwacht werden müssen.

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help_outlineWas ist der Unterschied zwischen µ_G, µ_K und µ_ges?expand_more

µ_G (Gewindereibungszahl) beschreibt die Reibung zwischen Schrauben- und Mutterngewinde. µ_K (Kopfreibungszahl) beschreibt die Reibung unter dem Schraubenkopf oder der Mutter an der Auflagefläche. µ_ges ist eine vereinfachte Gesamtreibungszahl, die beide Anteile zusammenfasst und für überschlägige Berechnungen verwendet wird. Für eine präzise Auslegung nach VDI 2230 sollten µ_G und µ_K getrennt ermittelt werden.

help_outlineWarum schwankt die Vorspannkraft bei gleichem Anzugsmoment so stark?expand_more

Weil das Anzugsmoment zu einem großen Teil durch Reibung verbraucht wird. Schon kleine Änderungen in µ_G oder µ_K – durch Beschichtungscharge, Schmierstoffmenge, Oberflächenrauheit oder Anzugsgeschwindigkeit – verschieben das Verhältnis zwischen Reibungsanteil und Vorspannkraftanteil erheblich. Beim drehmomentgesteuerten Anziehen kann die Vorspannkraftstreuung ±50 % betragen.

help_outlineWie kann ich µ für meine konkrete Verbindung ermitteln?expand_more

Reibungszahlen lassen sich nicht direkt messen – sie werden aus gemessenen Drehmomenten und Vorspannkräften berechnet. Dazu wird die vollständige Drehmoment-Drehwinkel-Kurve aufgezeichnet und ausgewertet. Für die Trennung von µ_G und µ_K ist zusätzlich die Messung des Teilmoments (Gewinde- bzw. Kopfanteil) erforderlich. Analysewerkzeuge wie das QUANTEC MCS® von GWK liefern diese Daten mit ±1 % Genauigkeit.

help_outlineWann reicht drehmomentgesteuertes Anziehen aus?expand_more

Bei unkritischen Verbindungen (VDI/VDE 2862 Klasse C) mit definierten, engen Reibungsbedingungen kann drehmomentgesteuertes Anziehen ausreichend sein. Bei sicherheitskritischen Verbindungen (Klasse A/B), bei Verbindungen mit schwankenden Reibungsbedingungen oder bei Anforderungen an die Prozessfähigkeit (Cpk) ist die Drehmoment-Drehwinkel-Analyse als Grundlage für die Prozessauslegung erforderlich.

help_outlineWas bewirkt Schmierung konkret auf die Vorspannkraft?expand_more

Schmierung senkt µ_G und µ_K und verengt deren Streuband. Bei gleichem Anzugsmoment steigt die erzielte Vorspannkraft – und sie wird reproduzierbarer. Allerdings gilt: Wenn das Anzugsmoment für trockene Bedingungen ausgelegt wurde und die Verbindung geschmiert montiert wird, kann die Schraube überlastet werden. Schmierung muss immer als Systemparameter in der Auslegung berücksichtigt sein.